Das Rob-Rad geht auf die Reise

DAS ROB-RAD, ein Projekt, das in einer ganz besonderen Art, Kunst und Geschichte verknüpft, erzählt die Erlebnisse von Herrn Rob Zweerman und seiner 275 Rotterdamer Leidgenossen, die im November 1944 von den Deutschen Besatzern nach Nürnberg verschleppt und zur Zwangsarbeit bei der Deutschen Reichsbahn gezwungen wurden.

Diese mobile Kunstinstallation soll die Menschen dazu auffordern, sich mit den Ereignissen der Vergangenheit zu befassen um sie in der Gegenwart zu diskutieren und ein Zeichen für eine friedliche Zukunft zu setzen.

Die hervorgehobenen Lettern, sind Originalzitate aus “Rob Zweerman – ERINNERUNGEN EINES ZWANGSARBEITERS IN NÜRNBERG-ZOLLHAUS (NOVEMBER 1944 – APRIL, 1945)”  Sonderdruck aus Mitteilungen des Vereins für Geschichte der Stadt Nürnberg 2003

DSC_0559 (2)

 

 Rob Zweerman – Die Fahrt ins Dunkle

DSC_0602

Rob Zweerman wird am 2. Juli 1927 als Sohn eines Lehrers und Kunstmalers in Rotterdam (Niederlande) geboren. Er verbringt dort mit seinen Eltern und zwei Geschwistern eine glückliche Kindheit.

DSC00765

Die Kindheit nimmt jedoch ein jähes Ende, als Rotterdam am 14. Mai 1940 durch die deutsche Luftwaffe vernichtet wird.

DSC_0599

Viele Schulen waren zerstört, und meine weitere Ausbildung wurde problematisch. Im Frühjahr 1944 fing ich eine radiotechnische Ausbildung an.” 

DSC00766Am 11. November 1944 gerät er in die Razzien der Deutschen, bei denen ca. 50.000 Männer zwischen 17 und 40 Jahren aus der Hafenstadt nach Deutschland verschleppt werden.

DSC00762

“Stundenlang stehen wir herum und warten, während unsere Kleidung vom Regen immer schwerer wird. Wir bekommen verschiedene Anweisungen von den Deutschen, meist Drohungen wie: ‘Wer flieht wird standrechtlich erschossen’. Das hält die Menschen in ständiger Angst. Es war uns eingeschärft worden, das auf Flucht die Todesstrafe stehe. Meine Gedanken sind daheim” Welch entsetzliche Todesangst diese Menschen wohl ausgestanden haben? Nicht zu wissen was mit ihnen passiert, wohin sie gebracht werden und mit ansehen zu müssen, wie  Mitbürger kaltblütig erschossen werden.

DSC00758

Am Bahnhof werden die Männer in 25 Waggons mit je 60 Mann verbracht.“EINSTEIGEN heißt der Befehl! Es gibt ein Gedränge mit sechzig Männern in triefnasser Kleidung mit Koffern, Bündeln, Taschen, Rucksäcken, in einem Raum, der uns später nicht größer als drei mal sieben Meter erscheint. Man kann sich nicht rühren, man weiß nicht wo im Wagen man ist, man ist von der Außenwelt abgeschnitten, weil die Schiebetüren geschlossen und verriegelt werden.”

DSC00760

“Wie lange wir da in der Dunkelheit gegeneinander gedrückt standen, weiß ich nicht mehr. Plötzlich setzt sich der Zug in Bewegung, das heißt, die Lokomotive stieß ein lautes Zischen und einen Pfiff aus. Eine lange Reise begann”

DSC00750

Sie dauert fast eine Woche unter den unmenschlichsten Bedingungen. “Die Inspektion des Waggons, meist tastend, manchmal auch mit einem Streichholz, erbringt das traurige Resultat, dass es kein Stroh gibt, keine Bank oder etwas ähnliches und keinen Ofen. Bei der tastenden Suche findet sich auch kein Eimer oder eine Tonne, die unsere Notdurft aufnehmen könnte. Na das kann ja heiter werden!”

DSC00745

Hunger, Durst und große Entbehrungen sollen für lange Zeit ihr ständiger Begleiter bleiben. “Wir sind ganz klapprig vor Hunger und haben Durst. Mancher hat zwar noch etwas eßbares in seinem Gepäck, ein Stück Brot, einen Apfel, der nur sparsam abgenagt wird, oder etwas Süßes. Tabakwaren wie Shag sind rar geworden. Es wird alles brüderlich geteilt. Nach Stunden des Wartens bekommen wir abends gegen acht Uhr drei Kohlrüben pro Waggon. Wenn man Hunger hat, schmeckt alles, selbst ein Stück Kohlrübe, an dem noch Sand klebt.”  

DSC_0586

Nach knapp einer Woche Fahrt auf engstem Raum hält der Zug im neblichen Morgenlicht auf dem  Rangierbahnhof in Nürnberg Märzfeld. “Das wir in Nürnberg sind, erfahren wir erst später. Zunächst glauben wir in Polen zu sein, weil auf den Tafeln allerlei kyrillische Schriftzeichen stehen. Später erscheint uns dies als ein Hinweis auf das große Kriegsgefangenenlager, das sich in der Nähe befindet. Auch tausende amerikanische und britische Gefangene sind dort inhaftiert. Na, das konnte ja ein schöner Tag werden!”

DSC_0587

Die Fahrt ist jedoch noch lange nicht beendet. “Wir bekommen zu hören, dass wir für Neumarkt in der Oberpfalz bestimmt seien” Das klingt hübsch und romantisch, aber wo das wohl liegen mag?”

Bahnhof Neumarkt 2014

Am Samstag dem 18. November 1944 kommen die Männer am kleinen Bahnhof in Neumarkt an. “Eine Woche unseres Lebens ist vorbei, seit wir aus Rotterdam verschleppt wurden. Eine Woche, an die wir uns immer erinnern werden. Eine Woche, die ein ganzes Jahr zu dauern schien.”

Marktplatz Neumarkt i.d. Oberpfalz 2014

“Wir müssen uns wieder aufstellen und marschieren durch das noch unbeschädigte Städtchen. Wir gucken uns die Augen aus dem Kopf. Niedliche Fachwerkhäuschen und Geschäfte mit Auslagen voller Lebensmittel. Das Wasser läuft uns im Mund zusammen. Wir laufen durch eine Hauptstraße mit Arkadengängen. Ein schönes Rathaus mit einem Stufengiebel, alte Kirchlein und malerische Häusergiebel mit kunstvollen Verzierungen”

IMG_4424

“Die Straße hört später auf und wird zu einem sandigen Weg, der durch einen Nadelwald führt. Es ist noch ein gutes Stück, bis eine Gruppe von Baracken sichtbar wird. Ein Lager begrenzt von einem hohen Zaun mit Stacheldraht und Wachtürmen.”

IMG_4444

Im Durchgangslager treffen die Männer erbärmliche Zustände an. Menschen mit stinkenden und faulenden Wunden. Sterbende ohne ärztliche Versorgung. Männer, Frauen und Kinder. Es ist alles völlig verdreckt und verwahrlost. Es gibt keine Matratzen oder Decken. Das einzige “Highlight” ist ein kleiner Ofen mit etwas Holz daneben. “Der Gestank des Lagers ist überall zu riechen. Manchmal mischt sich in ihn ein Hauch Essensgeruch von unbestimmter Herkunft”

DSC_0589

“Die Leitung des Lagers liegt beim Lagerführer, eine seltene Kreuzung aus einem bayerischen Bierbauch mit einem Tataren und einem Schnurrbart wie Kaiser Wilhelm. Er schnauzt uns regelmäßig in einem Dialekt an, von dem wir wenig verstehen.” Jedoch gibt es für die Männer auch Lichtblicke. Am Sonntag besucht sie ein netter alter Priester, der wahrscheinlich  der katholische Gemeindepfarrer ist. Er zeigt sich jedoch sehr überrascht, dass er hier Holländer antrifft. “Er bietet uns Postkarten und Bleistifte an um nach Hause schreiben zu können. Die Karte, die ich damals schrieb, ist tatsächlich daheim angekommen.”

DSC00751

Knapp eine Woche müssen die Männer im Durchgangslager in Neumarkt ausharren, bis  die Fahrt ins Ungewisse weitergeht. Mit einer grünen Karte, die an der Kleidung angebracht werden muss, werden die Männer in Gruppen eingeteilt. Bei strömendem Regen mit etwas Reiseproviant,  marschieren sie zum Bahnhof und fahren von dort aus mit einem Personenzug Richtung Nürnberg.

DSC00746

Nach ein paar Stunden Fahrt kommen die Holländer bei regnerischem  Wetter am Hauptbahnhof in Nürnberg an. Ob sie wohl den Königstorturm gesehen haben?

DSC_0072

Welche weiteren Torturen den Männern in den nächsten Monaten bevorstehen und  sich zeitlebens in ihren Lebenserinnerungen einbrennen wird, ahnen sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Gegen Abend fahren sie mit dem Zug nach Zollhaus weiter, das am südlichen Stadtrand von Nürnberg liegt.

DSC_0590~2

Der Weg vom kleinen Bahnhof Zollhaus führt die Männer zu einer verlassenen Grundschule, die durch frühere Bombardierungen erheblich beschädigt ist und bis Kriegsende ihr “Zuhause”?  sein wird. “Dieser Marsch hat sich in mein Gedächtnis eingegraben: Wir laufen durch dunkle, jetzt wohl verdunkelte Straßen, zwischen ebensolchen Häusern, über uns der bleiche Vollmond, dessen Licht einen frösteln macht. Wieder rieche ich den Brandgeruch von Holzfeuern und Briketts. Man kann die Geräusche von pfeifenden Lokomotiven und rangierenden, schrill quietschenden, knarzenden und rumpelnden Waggons hören. Die Silhouetten der Häuser heben sich scharf vom Nachthimmel ab. Hie und da sind Trümmerhaufen von beschädigten Häusern zu sehen mit gähnend leeren Fensterrahmen, ein gespenstischer Anblick, der mir Angst macht. Wir sind in Deutschland, wo die alliierten Luftstreitkräfte Herr der Lage sind. Jetzt befinden wir uns direkt neben einer Eisenbahneinrichtung und sollen Tag und Nacht Gefahr laufen, bombardiert zu werden.  Glücklicherweise weiß ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass wir genau dies in Zollhaus aus nächster Nähe miterleben sollten, zahllose Male. Viele die da gerade vor sich hin trotten, würden die Reise nach Hause zu Frau, Kindern oder Geliebten nicht mehr erleben. “

DSC00742

“Das Lager Bauernfeindstraße” muß erst bewohnbar gemacht werden. Dachziegel sind heruntergefallen, Fensterrahmen geborsten, das Wasser steht in den Klassenzimmern. Die erste Nacht verbringen die Männer auf dem kalten Betonfußboden des Luftschutzraumes im Keller des Gebäudes. Das Lagerleben bedeutet das so ca. 44 Männer in einem Raum untergebracht sind. Sanitäranlagen die nicht richtig funktionieren. Duschen nur mit kaltem Wasser und ohne Seife. Läuse die den Schlaf rauben, weil sie für einen unstillbaren Juckreiz sorgen.  Anfangs gibt es nur Brot zu essen, bis aus einem ausgebombten Haus ein Ofen organisiert werden kann. Mit allem was die Männer sagen und tun müssen sie vorsichtig sein, denn Spione und Verräter sind überall. Heimweh,  Niedergeschlagenheit und Bombenalarm beherrschen die Stimmung. “Glücklicherweise gab es unter uns aber auch gesellige Menschen, die verstanden, die Stimmung zu heben und die allgemeine Niedergeschlagenheit etwas aufzuheitern. ”

unnamed

Die Männer verbringen das Weihnachtsfest 1944 in der Fremde in Gefangenschaft, ohne ihre geliebten Familien und lassen es sich doch nicht nehmen, “das Fest der Liebe” zu feiern.  Einen großen Tannenbaum in der Schulaula behängen wir mit leeren amerikanischen Zigarettenpackungen. Die Packungen samt Inhalt hatten ihren Weg zu uns durch die Leute gefunden, die bei der Paketpost arbeiteten und es nicht zu genau nahmen mit den Sendungen des Roten Kreuzes an die Kriegsgefangenen im Lager Langwasser oder den Päckchen aus der Heimat an die deutschen Frontsoldaten. Letztere stapelten sich in großen Haufen, weil die meisten Sendungen für die Ostfront bestimmt waren, die bereits auf weiten Strecken von den Russen überrannt worden war.  Der Weihnachtsbaum war für den Lagerführer ein großes Ärgernis, weil er sehr wohl begriff, dass seine Verzierung woanders herkam als die üblichen Kugeln und Kerzen, die er bei sich daheim hatte. Aber was konnte er schon machen? Sein lautes Schreien und Drohen halfen ihm nichts, denn dann antworteten die Rotterdamer im Chor: “Nichts verstehen!” Strafen verhängte er nicht, denn als er wieder einmal zu tief in die Schnapsflasche geschaut hatte, ließ er vernehmen, dass der Krieg doch eine verlorene Sache sei und wir “verdammte Holländer” seien. Seine Einstellung belohnten wir dann mit einigen Zigaretten oder einem Stückchen Schokolade. Wir waren ja voneinander abhängig.”

DSC00738

Der erst 17jährige Rob wird  in der Bahnmeisterei I ohne wirkliche Vorkenntnisse zur Arbeit als Elektriker gezwungen. “Unser Chef war Meister Joas, ein kleiner, hinterhältiger Wichtelmann, der nuschelnd, fast unverständlich, seine Arbeitsaufträge gab oder seine Drohungen zischte. Auf seinem Arbeitsanzug prangte ein Abzeichen, das ihn als Mitglied der Nazipartei auswies.  Zum Personal der Werkstatt gehörten noch Richard Kussmann, Willy Reiser und ein kleiner sympathischer Kerl, an dessen Name ich mich nicht mehr genau erinnere. Ich glaube er hieß Willy Stopf. Außerdem waren da noch drei Russen: Fjodor war ein älterer Mann, Pjotr ein Junge von ungefähr sechzehn Jahren und Sergej. Alle drei stammten aus Dnepropetrowsk in der Ukraine. Wir wurden für allerlei Arbeiten eingesetzt. William half mir jedesmal, so das ich mit der Zeit immer selbständiger arbeiten konnte.”

DSC_0598 (1)

Die Hauptaufgabe besteht darin, Vorräte von Schaltelementen aus Kupferstäben anzulegen. Die Elemente sind für die zahlreichen Betriebsfahrzeuge, die auf dem Bahngelände hin und herfahren. Stecker müssen repariert werden und große Stecker werden an armdicke Kabel montiert, die für Lokomotiven und Waggons bestimmt sind. Auch die Instandsetzung der Außenbeleuchtung und Oberleitungen gehört zu den vielfältigen Aufgaben.

“An unserem Arbeitsplatz war es auszuhalten, doch in den großen, offenen Werkhallen und draußen war es immer kalt und nass von Schnee und Eis”

“Weiterhin wurden wir eingesetzt, um in schwindelnder Höhe auf Fahrkränen im laufenden Betrieb Arbeiten durchzuführen, wobei uns die Hände erfroren und wir immer gut achtgeben mussten, um nicht von den sich bewegenden und rotierenden Teilen erfasst zu werden. Nach jedem Luftangriff waren auf dem Werksgelände unzählige Elektrizitätsmasten und Kabelleitungen zerstört, die dann wieder schnell repariert werden mussten, in Tag- und Nachtarbeit.”

“Im Januar und Februar war es bitterkalt, häufig mit Temperaturen von zwanzig Grad unter Null. Bei Außenarbeiten trugen wir keine Handschuhe, weil es einfach keine gab. Manchmal froren die Zangen an den Händen fest oder man stand steifgefroren hoch oben auf einer Leiter, um Kupferdraht und Isolatoren an einem Masten zu befestigen, ganz benommen von Kälte und Müdigkeit. William und ich mussten manchmal vor Schmerzen und Traurigkeit weinen. Da scherten uns auch die Drohungen von Meister Joas nicht mehr, er werde uns “einsperren und ins Konzentrationslager schicken lassen, damit ihr faulen Arschlöcher lernt, was Krieg ist und Arbeit für den Führer Adolf Hitler!”. 

DSC00757

Die Arbeitskleidung, Jacke und Hose,  ist ein Problem, da Rob wesentlich größer als ein durchschnittlicher Deutscher ist. “Die Hose war viel zu weit, dafür waren die Hosenbeine viel zu kurz. Trotzdem mussten wir damit zufrieden sein. Arbeitskleidung war Pflicht und es gab eben keine andere. Wir hielten unsere Hose mit einer Stahlfeder um unsere Hüfte oben. Arbeitsschuhe aus Leder gab es fürAusländer nicht. Statt dessen bekamen wir Holzpantinen mit einer leinenen Kappe.  Obwohl es verboten war, verfiel ich auf den unglücklichen Gedanken meine eigenen Schuhe bei der Arbeit zu tragen. Sie waren nach wenigen Tagen völlig verschlissen. Eine andere verdrießliche Kleinigkeit war, dass man keine Schnürsenkel bekommen konnte, also musste eine Packschnur als Verschluß herhalten. Später als meine Schuhe endgültig hinüber waren, habe ich bis zur Befreiung in Holzschuhen herumlaufen müssen.”

DSC_0600 (1)

Die Monate verlaufen im gleichen Trott.  Am Anfang wird außer Sonntags jeden Tag gearbeitet, jedoch werden die freien Sonntage im Laufe der Zeit auf zwei im Monat reduziert.  “Die langen Arbeitszeiten, die kurzen Nächte, unzählige Male unterbrochen von Fliegeralarm, dem dann kein Angriff folgte, die Kälte, die nagenden Sorgen um zu Hause, das vergebliche Warten auf Post, der Mangel an Kleidung, das Ungeziefer, das alles wurde uns im Laufe des Januars zuviel. Aus dieser Zeit ist ein ganzes Stück aus meiner Erinnerung verschwunden, nur die Monotonie der Arbeit, die ständige Gefahr aus der Luft, der Schlafmangel und die Sorgen um die Familie sind mir im Gedächtnis geblieben.”

DSC00735

Nur die Solidarität der Männer untereinander und die Hilfe der mit ihnen sympathisierenden Familien in der Eisenbahnersiedlung, organisiert von der evangelischen und katholischen Kirchengemeinde, sichern das Überleben bis Kriegsende. “Es gab zwei Kirchen im Dorf, eine katholische und eine evangelische. Viele von uns gingen am Sonntag zum Gottesdient und wurden so dem Pfarrer und Pastor bekannt. Sie bemühten sich, die Aufmerksamkeit ihrer Gemeindemitglieder auf unsere Situation zu lenken, um uns Hilfe anbieten zu können. Auf diese Weise kam ich in Verbindung mit Herrn und Frau Reischl in der Romigstraße 13. Ein- bis zweimal die Woche konnte ich mir bei ihnen Kartoffeln kochen, oder Frau Reischl bereitete etwas Gemüse und Fleisch für mich zu.”

DSC00731

“Manchmal dröhnte es in der Ferne. Dann wußten wir, dass Bomben abgeworfen worden waren.  Am 2. Januar 1945 gab es wieder Luftalarm am frühen Morgen und um halb sieben abends. Die Stadt Nürnberg und die Eisenbahnanlagen waren das Ziel. Als wir um zehn Uhr aus dem Luftschutzkeller kamen, dachten wir, dass ganz Nürnberg in Flammen stehen müsse. Dröhnende Explosionen von Sprengstoff ließen uns zusammenzucken. In den Räumen im ersten Stock waren die Schäden unbeschreiblich. Am folgenden Tag mussten wir Schwerstarbeit leisten um die Schäden zu beheben. Tausende Gefangene wurden eingesetzt, die aus Straflagern oder Außenlagern der KZ kamen. “

“Der 11. April war ein schwarzer Tag für uns im Lager Bauernfeindstraße.  Das Bombardement, das sich anschließt ist schrecklich.  Das jüngste Gericht? Brennende Häuser, erstickender Qualm, überall Leichen und Verwundete, manche kriechend oder stolpernd, blutverschmiert, verstümmelt, ohne Arme. Auf dem Weg ins Dorf begegne ich einer Gruppe erschütterter amerikanischer Kriegsgefangener, die zum Lager Langwasser unterwegs war. Sie haben viele Kameraden verloren und sitzen weinend und wimmernd am Straßenrand, bewacht durch deutsche Soldaten, die mit dem Leben davongekommen sind. Im Dorf stehen ganze Häuserzeilen in Flammen. Die Menschen im Dorf sind völlig verwirrt und laufen verzweifelt herum auf der Suche nach vermissten Familienmitgliedern. Unsere Befürchtungen bewahrheiten sich: einige unserer Männer fehlen. Es ist furchtbar. Jeder weint vor Schmerz Verzweiflung und Trauer.”

DSC00728

Am 18. April 1945 wird das Artilleriefeuer deutlich weniger und die Amerikaner kommen von allen Seiten in das Dorf. “Jetzt erst fällt uns auf, dass wunderschönes sonniges Wetter herrscht. Es ist ein herrlicher Frühlingstag. Die Vögel zwitschern in den Bäumen auf dem Schulhof. Das ist eine selten gewordene Wahrnehmung, ganz fremd, Krieg und Frieden gleichzeitig.”

Die schweren Gefechte in der Stadt halten noch bis zum 20. April an, da in einigen Straßen von Jungen und Mädchen der Hitlerjugend noch verbissen gekämpft wird.  “Einer der Amerikaner, der für eine Ruhepause zu uns in die Schule kommt, bricht in Tränen aus, als er erzählt, dass er mehrere Kinder erschießen musste, um nicht sein eigenes Leben zu verlieren. Für uns aber ist das Kriegsgeschehen endlich aus”

DSC00730

Die Heimreise beginnt am 29.April mit Lastwagen der Amerikaner nach Würzburg. Von dort weiter mit dem Zug nach Belgien und Frankreich. Am 10 Juni 1945 ist es dann endlich soweit und Rob kann seine Familie wieder in die Arme schließen. “Da war der Empfang grandios. Endlich wieder daheim. Und dann lag man wieder behaglich in seinem eigenen Bett, nicht mehr auf einem schaukelnden, dreckigen Waggonboden oder einer Holzpritsche mit Ungeziefer oder dem Betonboden des Schutzraumes”

DSC00775

Rob Zweerman kehrte 1956 das erste mal nach Nürnberg zurück. Ein weiterer Besuch fand 2002 zu den Zeitzeugengesprächen statt, für die er folgende Worte fand: “Wir kamen als Fremde und gingen als Freunde” Er war Mitinitiator des Zwangsarbeitermahnmals am Plärrer in Nürnberg. Zur Einweihung des Friedenskreuzes in Neumarkt leistete er einen wichtigen Beitrag zur regionalen Zwangsarbeiterforschung. Für seine unermüdliche Arbeit für Aussöhnung wurde ihm in Den Haag das Verdienstkreuz am Bande verliehen. “Jeder Mensch muss sein Kreuz tragen und oft ist es schwer. Ab heute soll ich ein zweites Kreuz tragen, aber es ist federleicht, weil es bildlich gesprochen, getragen wird durch die unzählbar vielen, für die ich mich angestrengt habe, um in ihrem Namen ein Zeichen der Erinnerung und Versöhnung in Nürnberg zu errichten.”

  Rob Zweerman starb am 20. März 2010 in Rozendaal bei Arnheim

DSC00782

Heute ist Nürnberg eine bunte multikulturelle Stadt, in der Menschen aus vielen Ländern der Welt beheimatet sind und in demokratischen Verhältnissen friedlich miteinander leben können. Die Stadt hat aus ihrer dunklen Vergangenheit gelernt, sie nicht verdrängt und setzt deshalb als “Stadt der Menschenrechte” immer wieder Zeichen. Diese Tatsache haben wir auch Menschen wie Rob Zweerman zu verdanken, deren Erinnerungen uns und nachfolgende Generationen dazu anhalten, aus Fehlern der Vergangenheit zu lernen.

DSC00790

Am Ende meiner Ausführungen möchte ich die Zeilen mit auf den Weg geben, die uns Rob Zweerman als Schlußwort in seinen Erinnerungen hinterlassen hat:

“In den Jahren nach 1945 bis jetzt sind schon wieder
hunderte von Kriegen über die Welt gerast und haben
Millionen von Menschen auf die eine oder andere Art
zu ihren Opfern gemacht. Gedanken darüber können
zu völliger Hoffnungslosigkeit und einem Gefühl der
Ohnmacht führen. Doch wir müssen uns weiter auf
unserem Lebensweg, mit Glauben und Vertrauen,
immer wieder den anderen zuwenden, mit denen wir
zusammenleben und -arbeiten, die manchmal weniger
begabt sind und in anderen Verhältnissen
aufgewachsen sind in unterschiedlichen Kulturen. Wir
müssen uns auch um die Kinder kümmern, die noch
voller Hoffnung und ohne Sorgen sind. Sie erwarten
noch alles vom Leben. Für die Älteren ist es mühevoll,
ihren Platz darin zu finden. Sobald nun die Würde und
der Wert der anderen, der Mitmenschen, aus den
Augen verloren wird, entsteht die Angst voreinander,
ein Nährboden, auf dem Menschen blind
vermeintlichen ‘Führern’ mit einer falschen Moral
folgen. Faschismus und Kommunismus sind in unserer
Zeit die Vorbilder für den Aufstieg und Fall von
Systemen, die Menschen zu minderwertigen Wesen
degradieren”

 Rob und Wooly-On-Tour  Fotostrecke

11178334_736444813136536_6780965222630630095_n